So fing alles an……

Freitag, 21.12.2012

Am 17.12.2012 ging ich in eine gastroenteorologische Praxis, um mal wieder eine Magenspiegelung machen zu lassen. Es war nicht die Erste. Da ich an einem Barrett-Ösophagus (bedingt durch Rückfluss der Magensäure in die Speiseröhre) leide, muss ich solche Untersuchungen regelmäßig machen lassen.

Die Untersuchung verlief absolut problemlos. Ich wurde durch den Mund endoskopiert, wobei ich betäubt war. Ich spürte nichts.

Ich wachte wieder auf und durfte mich noch etwas erholen. Dann gab es ein Gespräch über das Ergebnis, wobei meine Frau Gabi anwesend war. Der Arzt teilte mir mit, dass er etwas gefunden habe. Er habe Proben genommen. Allerdings könne er noch nicht sicher sagen, ob es bösartig sei. Ich bekam einen neuen Termin am Freitag, den 21.12.2012.

Die Woche verging. Das Gefühl war etwas mulmig, aber naja, es wird schon gut gehen. Warum sollte ich so etwas haben. Ein schlechtes Vorgefühl war allerdings da.

Am Freitag – es war der nach dem Maja-Kalender der Tag es Weltuntergangs – fuhr ich dann gleich ganz früh am Morgen wieder zu meinem Arzt. Er kam gleich auf den Punkt und eröffnete mir, dass das, was er gefunden habe, nichts Gutes sei. Ich hätte Krebs.

Das saß! Da sitzt man und alles geht einem gleichzeitig durch den Kopf. Was wird werden mit mir? Wie wird es werden mit der Familie?

Nu ja, der Krebs sei noch nicht so schlimm. Er sei im Stadium G2, also noch eine frühe Form. Musste ich das verstehen? Ich konnte es nicht. Der Krebs sei nur lokal in der Speiseröhre sichtbar. Ob er allerdings schon gestreut habe, könne er mir nicht sagen, so mein Arzt.

Krebs sei wie die Schwangerschaft. Entweder man man sei schwanger oder man sei es nicht. Entweder man habe Krebs oder man habe ihn nicht. Ich hatte ihn.

Das Gespäch dauerte geschätzte 20 Minuten. Ich versuchte, einen klaren Kopf zu behalten und noch mehr Informationen zu bekommen. Allerdings musste ich schnell erkennen, dass dies der falsche Zeitpunkt war, um sich schon zu viele Gedanken zu machen.

Mir wurde ein Arzt genannt, der eine Kapazität sei und “der Papst” in dieser Angelegenheit. Ich bekam die Telefonnummer und sollte mich baldmöglichst bei ihm melden. Ich nahm es mir vor.

Nachdem ich meine Gabi angerufen hatte und ihr das Ergebnis mitgeteilt hatte, fuhr ich sofort die 20 km wieder nach Hause. Ich fühlte mich stark, sehr stark.

Meine Gabi war zuhause schon in Tränen aufgelöst. Sie war am Ende und ich fuhr mit ihr sofort zum Arzt, damit sie eine Beruhigungsspritze erhielt.

Wieder zurück zuhause schnaufte ich erstmal durch. Auf dem Sofa sitzend sortierte ich meine Gedanken. Was ist jetzt zu tun? Soll ich mich grämend in die Ecke zurück ziehen? Nein, das konnte es nicht sein.

Ein Anruf in der Karlsruher Klinik, wo der mir empfohlene Arzt tätig war, verlief mehr als ernüchternd. Es sei ja kurz vor Weihnachten und der Professor sei im Urlaub. Ob ich denn privat versichert sei? Oder zumindest Zuzahlung hätte. Ich verneinte. Ruhe in der Leitung. Man könne jetzt nichts machen, so die weibliche Stimme am anderen Ende. Ich hinterließ meine Nummer. Sie werden sich im neuen Jahr bei mir melden, hieß es. Enttäuschung! Maßlose Enttäuschung.

Der Tag ging weiter. Außerdem hatte ich ja heute und das ganze Wochenende noch Arbeit zu leisten. Im nahen Karlsruhe gab es einen kleinen Weihnachtsmarkt, der von uns organisiert wurde. Die Aussteller dort ahnten nichts und warteten auf mich. Würde es für mich besser sein, jetzt zuhause zu bleiben? Nein, das konnte nicht sein. Das konnte ich mir nicht antun. Und auch den anderen durfte ich das nicht antun. Es würde mich ablenken.

Ich machte mich auf zu dem kleinen Weihnachtsmarkt. Eine Stunde später kam meine mittlerweile informierte Tochter auch hinterher. Gemeinsam mit einer Freundin blieben wir den ganzen Tag beim Weihnachtsmarkt. Es war anstrengend. Im Kopf arbeitete es, aber man versuchte sich abzulenken. Es gelang nicht so richtig.

Die kommende Nacht war schlecht. An Schlaf war kaum zu denken. Es hämmerte im Kopf. Ich stellte mir schon Dinge vor, die ich hier gar nicht näher erläutern möchte. Ich dachte alles bis zum Ende durch. Wie würde es werden. Die Situation war extrem.

 

Samstag, 22.12.2012

Das Frühstück am nächsten Morgen schmeckte nicht. Ich musste mich sehr anstrengen, um überhaupt etwas herunter zu bringen. Die Waage hatte morgens schon 2 kg weniger als noch letzte Woche. Naja, es ist ja immer noch mehr als genug da.

Ich hatte noch etwas einzukaufen. Als ich dies erledigte dachte ich mir so, dass ich – nach sehr sehr langer Zeit – doch mal wieder Lotto spielen könnte. Ich füllte die 14 Felder aus und gab den Zettel ab.

Am Nachmittag  dann wieder zum Weihnachtsmarkt. Der Tag ging vorbei. Die Nacht war wieder schlecht, ich lag sehr lange wach.

Sonntag, 23.12.2012

Am Sonntag wurde dann der Lottozettel überprüft. Vielleicht habe ich ja auch mal Glück! Unfassbar! Tatsächlich. Bei den 14 Feldern hatte ich 5 mal 3 Richtige, 3 mal 4 Richtige und 1 mal 4 Richtige mit Zusatzzahl. Kann das normal sein? Nein, dass war ein positives Zeichen. Ich interpretierte dies als neuen Kick in eine bessere Richtung. So kann es weiter gehen. Wobei das Geld natürlich ganz egal ist. Aber das Glück war wieder da.

Wie hatte doch der Arzt vor 2 Tagen gesagt. Bei Krebs muss alles stimmen. Zu ein Drittel ist es Glück, zu ein Drittel ärztliche Kunst und zu einem Drittel der eigene eiserne Wille. Zumindest beim Glück habe ich jetzt schon mal wieder die richtige Richtung.

Dann wieder zum Weihnachtsmarkt. Sicherlich besser, als zuhause zu bleiben. An diesem Tag hatte ich eine Theaterveranstaltung für Kinder organisiert. Für Kinder ab 3 Jahren. Mein alter Kollege und Freund Georg Veit machte diese Veranstaltung für uns schon seit Jahren.

Ich nahm meine Krankenunterlagen mit, denn ich wusste, dass dort der Chefarzt (Gastroenteorologe) eines Karlsruher Krankenhauses mit seiner Familie zur Vorstellung beim Kindertheater erscheinen würde. Er war eine Woche vorher gekommen und wir kamen ins Gespräch. Damals ahnte ich noch nicht, dass diese Begegnung sehr schnell von immenser Wichtigkeit für mich werden sollte.

Nach der Vorstellung ging ich zu ihm und sprach ihn an. Es dauerte nicht lange, bis klar war, dass er mich gleich nach Weihnachten untersuchen würde. Eine Endosonographie lag noch an. Er beruhigte mich und sagte, dass das auf den ersten Blick nicht so schlimm aussehen würde. Es könnte sein, dass man zunächst nur eine Ausschälung machen müsse.

Das war doch mal eine gute Nachricht. Diese Nachricht hatte nachhaltig Wirkung auf mich und sollte dazu führen, dass die nächsten Tage der Ungewissheit erträglicher wurden.

Das war doch ein Wink des Schicksals, oder? Noch nie in meinem Leben hatte ich vorher einen Chefarzt (in freier Wildbahn) getroffen. Warum traf ich ihn ausgerechnet genau zu dem Zeitpunkt, an dem diese Krankheit bei mir gefunden wurde. Und dann hatte er auch noch genau die richtige Fachrichtung. Das kann doch kein Zufall sein! Nein, das war mehr!

 

Montag, 24.12.2012 (Heiligabend)

Am nächsten Tag – dem Heiligen Abend – hatten wir noch viel Arbeit. Gemeinsam mit meiner Tochter Mona habe ich die Weihnachtsmarktsachen abgebaut. Es war anstrengend, aber irgendwie war doch wieder einiges an Kraft da. Die Grundtendenz war positiv.

Der heilige Abend verlief anders als sonst. Zum Kirchgang konnte sich keiner von uns aufraffen. Die Füße waren schwer wie Blei und wollten nicht aus dem Haus. Unsere kleine Familie versuchte aber, das beste draus zu machen. Irgendwie ging es und wir haben sogar gelacht.

Weihnachten 2012

Zwei Tage, an denen es mental immer mal rauf und runter ging. Zum einen hatte ich die Aussage im Hinterkopf, dass es noch eine Frühform sei. Zum anderen kannte ich die schlechten Prognosen für den Fall, dass doch schon mehr da sein sollte.

Das Schmieden von Zukunftsplänen wechselte mit der Vorstellung, wie die Familie auskommen würde, wenn mein Einkommen nicht mehr da wäre. Es ging mental ganz nach oben und dann wieder nach unten. Eine zweitägige Achterbahn der Gefühle. Ein ganz anderes Weihnachten als sonst. Und dann noch die vielen guten Wünsche zu Weihnachten und zum Neuen Jahr, die mit guten Wünschen für die Gesundheit verbunden waren. Die Leute konnten es ja nicht wissen. Und sie meinten es alle gut. Aber es tat weh. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir wirklich bewusst, wie unendlich wichtig die Wünsche für eine gute Gesundheit sind. Das merkt man erst wirklich, wenn man selber an der Klippe steht und nicht weiß, in welche Richtung es gehen wird.

Am 2. Weihnachtstag fahren meine beiden Mädels fort. Es geht nach Mannheim. Handball ist angesagt. Die Rhein-Neckar-Löwen spielen ihr letztes Spiel in diesem Jahr und zwar gegen Melsungen. Mona hatte sich ein Ticket zu Weihnachten gewünscht. Ich habe gleich noch eine zweites dazu gekauft. Gabi geht auch mit. Ich bleibe zu Hause. Ich schaue mir alles im Fernsehen an. Das ist stressfreier. Die Rhein-Neckar-Löwen gewinnen und sind abends wieder Tabellenführer der Handball-Bundesliga.

Am Abend dann etwas völlig Verrücktes. Ich hätte mir ja vieles vorstellen können. Aber das sicherlich nicht. Ich bekomme von Mona ein Trikot geschenkt. Darauf steht zu lesen “Alles Gute und viel Kraft wünsche ich Dir  – LG Bjarte Myrhol”

Ich bin gerührt und eine Träne kommt aus meinem Auge. Das Trikot hat der Kreisspieler der Löwen gerade noch selber angehabt. Ich habe es im Fernsehen gesehen.  Er hat es meiner Tochter Mona geschenkt, die ihn darum gebeten. Sie ist nach dem Spiel zu ihm gegangen und hat ihn angesprochen. Bjarte hat selber eine harte Zeit hinter sich. Er hatte Hodenkrebs und musste durch die Chemo. Heute ist er wieder Stammspieler ihm Team. Vielleicht darf ja auch ich “Stammspieler” bleiben – dort, wo ich hin gehöre.

Ich bin unendlich gerührt. Das ist das schönste Geschenk, dass ich jemals in meinem Leben bekommen habe. Dieses Trikot werde immer in Ehren halten und es bei allen wichtigen Terminen mit dabei haben. Was Bjarte geschafft hat, will ich auch schaffen.

Und jetzt? Jetzt warten wir mal ab und dann sehen wir, was auf uns zukommt!

Was soll noch schief gehen?

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